Verhaltensbiologische Untersuchungen zur Gemeinschaftshaltung von Hausmeerschweinchen und Zwergkaninchen
Die Gemeinschaftshaltung von Hausmeerschweinchen und Zwergkaninchen ist in Privathaushalten und Zoogeschäften weit verbreitet. Handelt es sich hierbei um eine zu empfehlende oder eine zu vermeidende Haltungsform? Um diese Frage aus Sicht des Meerschweinchen zu beantworten, führten wir zwei Präferenztests (A und B) je sechsmal durch (HESSE und SACHSER) unveröffentlicht. In Test A wurde jeweils einem kleinen, etwa 30 Tage alten Meerschweinchen 12 Tage lang die Wahl zwischen einem Käfig gelassen, den es für sich allein hatte, und einem, den es mit einem großen, etwa 130 Tage alten weiblichen Artgenossen teilen musste. In Test B hatte das kleine Meerschweinchen unter den gleichen Bedingungen die Wahl, allein zu sein oder sich im selben Käfig wie ein Zwergkaninchen aufzuhalten. Die verwendete Wahlapparatur bestand aus zwei gleichartigen Einzelkäfigen (je 80 x 50 x 50 cm), die durch einen Tunnel miteinander verbunden waren. Jeder Einzelkäfig enthielt je eine Hütte sowie Futter und Wasser. Der 10 cm lange Verbindungstunnel war so bemessen, dass zwar das kleine Meerschweinchen von einem Einzelkäfig in den anderen wechseln konnte, nicht aber der größere Artgenosse bzw. das Zwergkaninchen. Mithilfe zweier im Tunnel installierter Lichtschranken konnte für das kleine Meerschweinchen die Wechselhäufigkeit zwischen den beiden Käfigen sowie die Aufenthaltsdauer in jedem der beiden Käfige elektronisch registriert werden. Die sechs kleinen und sechs großen Meerschweinchen stammten aus der institiutseigenen Zucht, die sechs Zwergkaninchen wurden in verschiedenen Tierhandlungen gekauft, in denen sie mit Meerschweinchen zusammen gelebt hatten. Die im selben Wahlversuch getesteten Tiere waren einander unbekannt. Zu Beginn der Wahlversuche wurde das kleine Meerschweinchen mit seinem Testpartner gemeinsam in eines der beiden Einzelgehege der Wahlapparatur eingesetzt.
Die Abbildung zeigt deutliche Unterschiede im Wahlverhalten der kleinen Meerschweinchen, je nachdem ob sie zusammen mit dem großen Meerschweinchen oder mit dem artfremden Tier getestet wurden: Mit dem Artgenossen wurden etwa 80%, mit dem Zwergkaninchen hingegen nur durchschnittlich 40% der Zeit im selben Käfig verbracht. Auffällig ist ferner die extrem unterschiedliche Variabilität der Einzelbefunde in den beiden Testreihen: Wurden die kleinen Meerschweinchen mit dem artfremden Tier getestet, so reichte die Spanne von 3% bis zu über 73% der im selben Gehege verbrachten Zeit. Im Gegensatz dazu zeigte sich bei der Gemeinschaftshaltung zweier Meerschweinchen ein sehr viel homogeneres Bild: Die minimal mit dem großen Artgenossen gemeinsam verbrachte Zeit betrug 71%, die maximale Zeit 81%.
Aus Präferenztests allein sollten jedoch keine absoluten Schlüsse gezogen werden. Wir haben deshalb am 1. und 12. Tag der Versuche das Verhalten jeweils 24 h lang mit einem Videorecorder aufgezeichnet und später 45 Verhaltensweisen quantitativ analysiert. Die Meerschweichen, die zusammen mit den Zwergkaninchen gehalten wurden, zeigten im Vergleich zur Meerschweinchen/Meerschweinchen-Konstellation am 1. Versuchstag signifikant seltener "Beschnuppern" gegenüber dem Käfiggenossen (Mann-Whitney U-Test, zweiseitig; U=1, N1=N2=6; p<0.01) und flohen häufiger vor ihnen (U=5; p<0.05): Ferner wurde bei ihnen verstärkt eine meerschweinchentypische Schreckreaktion, das "Erstarren", registriert (U=1; p<0.01).
Wahlverhalten eines kleinen Meerschweinchens, das sich (a) entweder allein oder gemeinsam mit einem Zwergkaninchen (N=6) oder (b) mit einem Artgenossen (N=6) in einem Gehege aufhalten konnte. Jeder Versuch dauert 12 Tage. Dargestellt sind Mediane und Einzelwerte. Statistischer Test: Mann-Whitney U-Test, zweiseitig, N1=N2=6, U=4, p=<0.03).
Im Laufe des Versuchs relativierten sich diese Unterschiede zwar, aber auch am 12. Tag zeigten die kleinen Meerschweinchen immer noch signifikant weniger soziopositives Verhalten gegenüber dem Zwergkaninchen als gegenüber dem Artgenossen (U=5; p<0.05). Darüber hinaus zogen sich die kleinen Meerschweinchen, wenn sie mit den Zwergkaninchen gehalten wurden, zum Ruhen in der Regel allein in das nur für sie zugängige Abteil zurück, vermutlich, weil die beiden Arten eine unterschiedliche Tagesrhythmik aufweisen und so vor allem das Meerschweinchen immer wieder vom Zwergkaninchen beim Ruhen und Schlafen gestört wird. Letzlich wiesen Interaktionsanalysen auf ein nicht vollständiges übereinstimmendes Signalrepertoire der beiden Arten hin: Beispielsweise existiert beim Zwergkaninchen eine soziopositive Verhaltensweise, das "Ducken", bei dem sich das Kaninchen langsam auf das Gegenüber zubewegt und Oberkörper und Kopf senkt, die Ohren nach hinten anlegt, und seinen Kopf häufig unter die Brust oder den Kopf des anderen schiebt. Zwergkaninchen reagieren auf das Ducken eines Artgenossen oft mit sozialer Fellpflege, Nasenreiben oder Beschnuppern. Das kleine Meerschweinchen hingegen antwortet am 12. Tag fast immer mit einem aggressiven Schnauzenheben. Sehr wahrscheinlich sprechen hier Zwergkaninchen und Meerschweinchen unterschiedliche Sprachen: Das soziopositive Signal der zwergkaninchen wird vom meerschweinchen nicht verstanden und mit defensiv aggessivem Verhalten beantwortet.
Zusammengefasst lassen die Ergebnisse des Präferenztests, die unterschiedliche Tagesrhythmik sowie das nicht übereinstimmende Signalrepertoire von Meerschweinchen und Zwergkaninchen eine Gemeinschaftshaltung dieser beiden Arten als nicht empfehlendswert erscheinen. Darüber hinaus verdeutlicht die hohe soziele Appetenz der Meerschweinchen für Artgenossen im Wahlversuch, dass diese Tiere auf keinen Fall allein gehalten werden sollten (vgl. hierzu auch SACHSER 1994).
Dieser Abschnitt aus dem Präferenztest wurde uns freundlicherweise vom Verhaltensforscher
Prof. Dr. Sachser zur Verfügung gestellt